Sockeye und Riot in Berlin: „Es geht nicht nur darum, gute Spieler zu haben“

Interview: Bereits zum zweiten Mal werden an diesem Wochenende die US-Elite-Teams Seattle Riot (Women) und Sockeye (Open) ein Trainingslager in Berlin abhalten. diesideline sprach im Vorfeld mit Nora Carr (Foto) und Xtehn Titcomb über Ultimate in Deutschland, ihre Ziele bei den US-Nationals, die MLU und ein europäisches Five-Büro.

(Interview und Fotos: Lars-Ole Müller)

Seattles Teams Sockeye und Riot zählen zu den besten der Welt. Nach dem Erfolg im letzten Jahr, sind gegenwärtig wieder einige Athleten in Berlin, um ihr Wissen in einem dreitägigen Trainingscamp am Berliner TiB 1848 e.V. an deutsche Ultimate Spieler weiterzugeben. Am Rande eines gemeinsamen Trainings der US-Teams mit den Berlinern von Wall City und JinX sprach diesideline mit zwei der Coaches: Xtehn Titcomb und Nora Carr.

disideline: Was können die Teilnehmer am Sockeye/Riot-Camp 2013 in Berlin erwarten? Wo setzt ihr den Fokus und welche Übungen stehen in den nächsten drei Tagen auf dem Programm?

Xtehn Titcomb: Unser Hauptfokus liegt darauf, die individuelle Performance der Teilnehmer zu verbessern. Dies wollen wir ein wenig anders erreichen, als im letzten Jahr. Es wird alles etwas mehr auf akademischer Ebene ablaufen. Ziel ist es, dass die Spieler die Übung nicht nur ausführen, sondern auch verstehen, warum wir sie machen. Wir wollen jedem Teilnehmer die Möglichkeit geben, neu über Ultimate nachzudenken und etwas mit nach Hause in seine jeweilige Mannschaft zu nehmen.

Nora Carr: Es wird eine Vielzahl verschiedener Übungsformen geben, bei denen es vor allem darum geht, an den jeweiligen Fähigkeiten der Spieler zu arbeiten. Samstag werden wir die Gruppe dann statt wie im letzten Jahr nach dem Spiellevel diesmal nach dem Geschlecht aufteilen, da es 2013 ja auch weibliche Coaches gibt. Ich freue mich schon sehr darauf, den deutschen Mädels Tips zu geben, wie sie etwa ihr Marking etwas aggressiver gestalten können. Außerdem wird mein persönlicher Schwerpunkt auf der Fußarbeit in der Defense und den Rückhand-Hucks liegen.

Wie fühlt es sich eigentlich an, um die Welt zu reisen und Leuten Ultimate beizubringen? Klingt schon nach einem Traumjob.

Nora: Ich habe wirklich Glück, dass ich die Möglichkeit habe, das zu tun. Als ich vor elf Jahren anfing, Ultimate zu spielen, hätte ich das nie für möglich gehalten. Deshalb betrachte ich das als Ehre und hoffe wirklich, dass ich den Leuten hier mit meinem Rat helfen kann. Zudem will ich auch selber etwas dabei lernen.

Xtehn: Du hast Recht, es ist wirklich eine besondere Möglichkeit, die uns da geboten wird. Das ist aber nur dadurch möglich, dass vor uns Spieler von Sockeye und aus Europa den Grundstein dafür gelegt haben, indem Kontakte geknüpft wurden. Wir profitieren nun von dieser Arbeit.

Nora: Kontakte sind ohnehin ein gutes Stichwort. Es ist einfach toll, durch Aktionen wie dieses Camp so viele neue Menschen kennezulernen und gleichzeitig ein Stück weit dazu beitragen zu können, dass zwischen Ultimate Spielern auf dem ganzen Globus eine Art weltweite Vernetzung ensteht. Auch Social Media und etwa Blogs wie dieser können dabei helfen.

Wie gefällt es euch denn bisher hier in Deutschland und Berlin?

Nora: Ich liebe es. Ich war noch nie hier und es ist toll, eine moderne Stadt zu sehen, die zugleich voller Geschichte steckt. In Amerika gibt es zudem nicht so alte Gebäude und es ist schön, sich diese anzusehen. Auf der anderen Seite habe ich auch Parallelen zu Seattle gefunden und mich deshalb gleich zu Hause gefühlt, auch weil wir hier sehr nett aufgenommen wurden. Gestern haben wir etwas Sightseeing betrieben und waren auf dem Maifest, was mir sehr gefallen hat.

Xtehn: Ich war als kleines Kind schon mal mit meinen Eltern hier und habe zudem mit 15 ein Hat-Turnier in Deutschland gespielt, kenne das Land also schon ein wenig. Im Moment fällt es mir etwas schwer, an Deutschland zu denken ohne gleichzeitig an Ultimate mitzudenken, da ich durch das anstehende Camp sehr fokussiert bin. Ich habe aber definitiv vor, in die Bundesrepublik und nach Europa zurückzukehren, auch um Turniere wie die Clubweltmeisterschaft und Paganello zu spielen.

Du arbeitest auch für den Ultimate-Sportbekleidungshersteller Five. Gibt es vielleicht auch in dieser Funktion Pläne, die mit Deutschland zu tun haben?

Xtehn: In der Tat, da bewegt sich derzeit einiges. Es gibt immer mehr Spieler in Europa und Deutschland spielt dabei eine große Rolle. Wir wollen demnächst ein Europabüro von Five Ultimate eröffnen, damit wir unseren europäischen Kunden den Service bieten können, den sie verdienen. Dann werden unsere Produkte am hiesigen Markt auch viel leichter zu bekommen sein als bisher, wo Zollschranken usw. oft noch ein Problem sind.

Xtehn Titcomb in Berlin

Xtehn Titcomb spielt aktuell seine zweite Saison mit Seattle Sockeye und zudem für die Seattle Rainmakers in der MLU. Ultimateverrückt ist er schon seit 13 Jahren. (Foto: Lars-Ole Müller)

Ihr habt in dieser Woche bereits gemeinsam mit den Berliner Teams Wall City und JinX trainiert und erste Eindrücke vom deutschen Ultimate gewinnen können. Wie schätzt ihr dessen Potential ein?

Nora: Das deutsche Frauen-Ultimate hat mir gefallen, ich habe so viel Potential gesehen. Die Spielerinnen, mit denen ich zu tun hatte, waren lernwillig und wollten neues Wissen annehmen. Der Fokus war großartig. Ich freue mich schon darauf, das deutsche Ultimate in den nächsten Tagen noch besser kennenzulernen.

Xtehn: Die Spieler die hier bereits spielen, sind gut und haben zudem die richtige Einstellung, um langfristig besser zu werden. Allerdings hapert es noch ein wenig an der Nachwuchsarbeit, was ich auch auf die europäische Sportkultur insgesamt zurückführen würde. So lange es nicht gelingt, Ultimateernsthaft in Schulen und Universitäten zu verankern, wird Deutschland einfach die Masse an Spielern fehlen, über die Länder wie die USA und auch Kanada verfügen. Dann wird es schwer, langfristig große Fortschritte zu machen. Da fehlt dann einfach die Erfahrung. Auf der anderen Seite verfügen die Teams aus den verschiedenen Regionen Deutschlands über viele unterschiedliche Spielstile. Wenn die am Ende vernünftig kombiniert werden, kann das in der Summe sehr gewinnbringend für dieses Land sein.

Würdest du das eben beschriebene Defizit als den größten Unterschied zwischen Deutschland und den USA ansehen?

Xtehn: Ich denke schon. Es gibt da einfach eine große kulturelle Differenz, denn in den Staaten ist Ultimate an den Unis äußerst beliebt. Immerhin sind über die Hälfte aller US-Spieler Collegestudenten und das ist großartig. Der Sport wächst in Amerika rasant und das ermöglicht eine größere Flexibilität. Viele Spieler sind dabei, sehr schnell sehr gut zu werden. In Deutschland hingegen sind es dieselben Spieler, die für eine lange Zeit die besten des Landes sind. Das schafft eine gewisse Statik, die ich schon fast als traditionell bezeichnen würde. Das muss nichts Schlechtes sein, es ist nur eben anders als bei uns.

Werfen wir doch mal einen Blick über den großen Teich. Was habt ihr mit euren Teams in der Saison 2013 vor?

Nora: Nun, wir mit Seattle Riot stehen ja in einer Art Dauerkonkurrenzkampf mit Fury aus San Francisco, die uns im letzten Jahr im Finale der Nationals geschlagen haben. Das soll in diesem Jahr natürlich anders werden. Die Saison ist zwar noch jung und wir sind noch mitten in den Tryouts, sodass offiziell noch nichts ausgegeben wurde, dennoch, so denke ich, muss unser Ziel immer sein, die nationale Meisterschaft zu gewinnen. Das wollen wir aber ganz im Gedanken des fairen Sportsgeistes und natürlich des Spirit oft the Game tun. Darüber hinaus wollen wir auf allen Turnieren das bestmögliche Ultimate spielen, aber dabei auch etwas lernen, Übungen machen und uns als Team finden.

Xtehn: Bei Sockeye gibt es jedes Jahr große Veränderungen im Kader. Deshalb muss es unser erstes Ziel sein, eine gemeinsame Teamkultur zu identifizieren, damit wir uns nachher auf dem Platz blind verstehen. Es geht nicht nur darum, gute Einzelspieler zu haben. Die hat Sockeye immer. Das reicht aber nicht, um erfolgreich zu sein.
Ich persönlich habe mir als Ziel gesetzt, furchtloser und souveräner in die Defence zu gehen. Dazu ist es wichtig, auf jedes Training und jedes Spiel mental optimal vorbereitet zu sein. Außerdem will ich in der Preseason viel an meiner Fitness arbeiten, ein Tipp, den jeder ambitionierte Ultimate Spieler beherzigen sollte. Meine Stärke sehe ich zudem in meinen guten Würfen, bei denen ich schnell und kreativ bin. Genau das ist manchmal aber auch eine Schwäche, da ich somit auch mal zu riskanten Pässen neige. Ich will lernen, etwas konservativer zu spielen.

Du stehst in dieser Saison auch in der neugegründeten Profiliga MLU für die Seattle Rainmakers (unter anderem gemeinsam mit Ben und Seth Wiggins) auf dem Feld. Was glaubst du, wird diese neue Professionalisierung mit unserem Sport anstellen?

Xtehn: Ich sehe das eher optimistisch. Im Moment ist Ultimate einem sehr schnellen Wandel unterworfen und damit an einem wichtigen Punkt angelangt. Dabei sind die Spieler gegenüber den Profi-Managern usw. in einer viel stärkeren Position, als sie vielleicht selber denken würden. Wir können die Gestalt, die Ultimate in Zukunft annehmen wird aktiv mit entwerfen. Wenn die Top-Spieler nicht in der MLU oder der AUDL spielen wollen und die Ultimate-Gemeinde sich die Spiele nicht ansieht, haben die Macher der Profiligen gar nichts gewonnen. Es kommt also auf uns an, unseren Sport so voranzubringen, wie wir als Aktive, ihn haben wollen.

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